{"id":12227,"date":"2020-05-21T17:42:26","date_gmt":"2020-05-21T15:42:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12227"},"modified":"2020-06-14T15:31:40","modified_gmt":"2020-06-14T13:31:40","slug":"12227-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12227","title":{"rendered":"Schreiben in Zeiten der Dystopie"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><a><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Dystopien wie George Orwells \u201e1984\u201c oder Stanley Kubricks \u201e2001: Odyssee im Weltraum\u201c hat die Zeit inzwischen l\u00e4ngst eingeholt und angesichts der grundlegen Ver\u00e4nderungen, welche die Covid19-Pandemie weltweit in noch nie dagewesener Weise ausl\u00f6st, scheint der Stoff so mancher Dystopie jetzt erschreckend naheger\u00fcckt zu sein. Fast k\u00f6nnte sich der Eindruck aufdr\u00e4ngen, dass hier bekannte dystopische Fiktionen die Realit\u00e4t zu \u00fcberlagern beginnen. Eigent\u00fcmlicherweise hat die Pandemie Albert Camus\u2019 Roman \u201eDie Pest\u201c zu einer Renaissance verholfen, ganz so, als w\u00fcrde, solange man nicht selbst betroffen ist, in diesen Zeiten von einer Katastrophe zu lesen, dem Erleben der aktuellen Situation noch den letzten Thrill verpassen.<\/span><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Mich als Autor interessiert in diesem Zusammenhang naturgem\u00e4\u00df neben dem Lesen auch das Schreiben. Im Zuge der Pandemie ist eine hitzige Diskussion um Freiheit und staatliche Lenkung entbrannt. Das wirft ganz pl\u00f6tzlich auch auf die Problematik von BigData in der Near-Future-Geschichte der \u00dcberwachungsdystopie in \u201eDismatched\u201c ein anderes Licht. Ich frage mich, wie lange es wohl etwa in China noch dauert, bis auch hier die gesellschaftliche Realit\u00e4t die Strategie von Mittelung, SocialUnits, SocialScore und MatchingLoops, wie ich sie im Plot der Urb entwickele, eingeholt hat.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Schreiben ist ein einsames Gesch\u00e4ft. Aber wenn man nicht gerade als Robinson auf einer Insel Tagebuch schreibt, existiert um denjenigen, der allein sein Garn vor sich hin spinnt, eine ganze Welt, in die er von seinen Kopfgeburten jederzeit wieder zur\u00fcckkehren und an der er teilhaben kann.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">F\u00fcr mich als Autor, der die beiden ersten Teile seiner als Trilogie angelegten Dystopie fertiggestellt hat, ist in diesem Zusammenhang die gewisserma\u00dfen finale Frage folgende: W\u00fcrdest du, wenn du als einziger Mensch die Apokalypse \u00fcberlebt h\u00e4ttest, noch schreiben? Vorausgesetzt, du w\u00e4rst abgesichert und m\u00fcsstest nicht st\u00e4ndig ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen, w\u00fcrdest du als letzter noch lebende Mensch dann noch schreiben wollen<\/span>?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">\u201eLesen ist betreutes Tr\u00e4umen\u201c sagt die Kunsterzieherin Anka Rahn. Umgekehrt bedeutet f\u00fcr mich Schreiben, mich aktiv in andere Welten und Personen hineinzuf\u00fchlen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Im Schreiben begegne ich mir selbst in Facetten, H\u00f6hen und Abgr\u00fcnden, die ich niemals erleben k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich nicht bewusst meine F\u00fchler in die verhei\u00dfungsvolle Weite einer leeren WordSeite ausstrecken, um mich so auszuprobieren.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Mich dann ganz allm\u00e4hlich einer Welt gegen\u00fcberzusehen, die immer mehr Raum greift und sich zusehends verselbstst\u00e4ndigt; Figuren zu entwickeln, die immer eigenst\u00e4ndiger werden und beginnen, individuelle Forderungen zu stellen, geh\u00f6rt zu den begl\u00fcckendsten Erfahrungen, die ich bislang machen durfte.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Warum ist das so?<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Aristoteles kennzeichnet den Menschen als \u201ezoon politikon\u201c. Wir Menschen sind soziale Tiere. So, wie wir ohne Sprache nicht denken k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir ohne ein Du kein Bewusstsein unserer selbst haben: Wer Ich sagt, sagt damit immer auch Du. Nur, indem uns andere widerst\u00e4ndig sind, wir uns von ihnen abgrenzen und ihre N\u00e4he suchen, uns an ihnen reiben und uns an sie schmiegen, sie lieben und hassen, f\u00fcrchten und ersehnen, verfluchen und verg\u00f6ttern, an ihnen wachsen und schrumpfen, sie vermissen und abgeschrieben haben, sie suchen und finden, gewinnen wir selbst an Identit\u00e4t und Kontur.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Als Autor schaffe ich mir nun ein Du in Form meiner ganz eigenen Welt. Habe ich das zun\u00e4chst noch in der Hand, fangen die Dinge irgendwann an, ein Eigenleben zu f\u00fchren. Exakt an diesem Punkt beginnt dann das Abenteuer. Ich plane, recherchiere, konstruiere, aber urpl\u00f6tzlich werde ich fortgerissen, schl\u00e4gt die Stunde der Phantasie, die ihre schillernden, hellen und dunklen Schwingen ausbreitet und mich in Gefilde entf\u00fchrt, die ich weder planen noch absehen konnte. Das erleben zu d\u00fcrfen, empfinde ich als Gnade.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Ein Buch zu schreiben ist f\u00fcr mich ein wenig so, wie ein Kind zu haben. Zwar habe ich es gezeugt und kann anfangs noch gro\u00dfen Einfluss nehmen, doch mit zunehmendem Alter entwickelt es sich zu einer v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen Pers\u00f6nlichkeit. Wenn ich jetzt mein Buch, einige Zeit, nachdem es vollendet ist, aufschlage, f\u00fchlt sich das in etwa so an, als w\u00fcrde mir meine erwachsene Tochter begegnen (die dieses Eiland im Cyberspace gestaltet hat). Zwar bin ich der Ursprung, doch tritt mir in meinem Buch etwas entgegen, von dem ich nicht mehr sagen kann, wie es zu dem geworden ist, was es ist. Das ist \u00fcberaus erstaunlich und macht f\u00fcr mich die Faszination des Schreibens aus.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Davon einmal abgesehen geht es beim Schreiben sicher auch um \u201eRuhm und Ehre\u201c. \u201eWer schreibt, der bleibt\u201c, hei\u00dft es. Ich glaube, beim Schreiben intendiert man immer auch ein fremdes Du, das \u00fcber die eigene Selbstreflexion und das unmittelbare AlterEgo hinausgeht. Ein noch unbekanntes Du, das man sich aber m\u00f6glicherweise anverwandeln und vertraut machen kann. Und so hoffe ich nat\u00fcrlich, dass jemand im Meer des Cyberspce an den Strand dieses Eilands gesp\u00fclt wird, dies hier liest und vielleicht auch einen Kommentar in den digitalen Sand kratzt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Um abschlie\u00dfend zu meiner Ausgangsfrage zur\u00fcckzukommen: Was also w\u00fcrde sein, wenn ich der letzte Mensch w\u00e4re oder zumindest glauben w\u00fcrde, es zu sein. Nat\u00fcrlich, nat\u00fcrlich w\u00fcrde ich lesen. Im Lesen w\u00e4re mir die untergegangene Welt in schwarzen Zeichen auf wei\u00dfem Grund immer noch gegenw\u00e4rtig. Und ich w\u00fcrde schreiben, nicht nur schreiben wollen, sondern geradezu schreiben m\u00fcssen. Um als soziales Tier nicht wahnsinnig zu werden, w\u00fcrde und m\u00fcsste ich versuchen, mir in einem einsamen inneren Dialog selbst gegen\u00fcberzutreten, um die leer gewischte Welt mit AlterEgos und Schicksalen zu bev\u00f6lkern und so im Schreiben meine Vergangenheit aufzuarbeiten, meine Verlorenheit zu spiegeln und vielleicht bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><span class=\"has-inline-color has-very-dark-gray-color\">Vielleicht versetze ich mich ja einmal in diese Lage \u2013 und schreibe dar\u00fcber \u2026<\/span><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dystopien wie George Orwells \u201e1984\u201c oder Stanley Kubricks \u201e2001: Odyssee&hellip;<\/p>\n<p> <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12227\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12338,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":{"0":"post-12227","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-allgemein"},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12227"}],"version-history":[{"count":35,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12407,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12227\/revisions\/12407"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12338"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}