{"id":12381,"date":"2020-06-13T23:08:12","date_gmt":"2020-06-13T21:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12381"},"modified":"2020-06-18T17:45:35","modified_gmt":"2020-06-18T15:45:35","slug":"lob-des-lesens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12381","title":{"rendered":"Lob des Lesens"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Lesen ist eine Kulturtechnik, die durch die Digitalisierung gleicherma\u00dfen gewonnen wie verloren hat. Aber manchmal, so f\u00fcrchte ich: Sie hat mehr verloren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Lesen bedeutet, sich Universen von auf Papier geronnenen Gedanken oder von elektronischen Impulsen aus den Weiten des Cyberspace anzuverwandeln und zu eigen zu machen. Schwarz-Wei\u00df-Kontraste zu Buchstaben, Worten und S\u00e4tzen geformt, werden zu Abziehbildern f\u00fcr die Fantasie. Welten zwischen zwei Buchdeckel gepresst wie in ein Gedanken und Vorstellungen konservierendes Herbarium.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Apropos Buchdeckel. Ich liebe B\u00fccher. Also, wie es neuerdings auch hei\u00dft \u2013 Holzb\u00fccher, Print. Der Geruch eines neuen oder alten Buches. Die Haptik von Einband und Papier. Das Gef\u00fcgigmachen des meist sperrigen Buchblocks eines neuen Buches. Altbekannte, zerlesene und liebgewordene B\u00fccher, die sich dagegen ganz von selbst \u00f6ffnen und freiwillig Lieblingsstellen preisgeben, in die man sofort eintauchen kann, wie in eine lang vertraute Geliebte. Buchr\u00fccken, deren Phalanx einen in Regalen umsteht und die profanen eigenen vier W\u00e4nde ins Fiktionale erweitern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nat\u00fcrlich liebe ich auch E-Books. Eine ganze Bibliothek, die man auf seinem Reader mit sich herumtragen kann. Tausende von Seiten, wie von Zauberhand aus dem Cyberspace heruntergeladen. H\u00e4tte man Herman Melville, als er im Jahre 1850 das fertiggestellte Manuskript seines Moby Dick f\u00fcr seinen Verleger ordnete, gesagt, dass sich dieses Konvolut von neunhundert handgeschriebenen und immer wieder mit Korrekturen und Verweisen versehenen Seiten dereinst in Sekundenschnelle f\u00fcr jedermann in ein kleines, transportables Sichtger\u00e4t bannen lie\u00dfe, h\u00e4tte er vielleicht sein Zeitgenosse Jules Verne sein m\u00fcssen, um dies f\u00fcr m\u00f6glich halten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Lesen erfordert Lebenszeit und auch wenn es beim Lesen um geistige Inhalte geht, sind wir Menschen letztlich physisch verfasste Wesen. Und gerade, wenn es sich um ein Buch handelt, das bleibende Spuren hinterlassen hat, scheint mir daher dessen solider Buchr\u00fccken im Regal eine nachdr\u00fccklichere Erinnerung daran, eine manchmal nicht unbetr\u00e4chtliche biographische Strecke mit eben diesem Buch verbracht zu haben als eine fl\u00fcchtige Datei auf dem E-Reader. Nach der Lekt\u00fcre bleibt die Datei auf dem E-Book leblos. Das Buch im Regal beh\u00e4lt Gestalt und Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Analog zu lesen ist wie eine Langspielplatte zu h\u00f6ren. Man setzt die Nadel auf den Rand der Vinylscheibe und sie folgt den konzentrischen Kreisen der Rille bis zu deren Mittelpunkt. So bl\u00e4ttert der Leser eines Holzbuches eine Seite nach der anderen um, bis allm\u00e4hlich der Packen noch nicht gelesener Seiten rechts immer d\u00fcnner und der Packen gelesener Seiten links immer dicker wird und schlie\u00dflich die letzte Seite aufgeschlagen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">V\u00f6llig anders dagegen das digitale Musikh\u00f6ren und Lesen. Eine MP3-Datei filtert alle Hintergrundger\u00e4usche weg. Jeder Track ist unmittelbar und treffgenau anzusteuern, ohne umst\u00e4ndlich die Nadel aus der Rille nehmen und neu aufsetzen oder gar die Platte umdrehen oder wechseln zu m\u00fcssen. Auch beim E-Book l\u00e4sst sich jede Stelle, die man noch einmal nachlesen oder verifizieren m\u00f6chte, sofort dingfest machen. Die digitale Suche bringt unbestreitbare Vorteile, in ganz besonderem Ma\u00dfe aber f\u00fcr die Erschlie\u00dfung von Wissen im Netz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Positives Wissen und in zunehmendem Ma\u00dfe auch Antworten auf komplexere Fragen lassen sich punktgenau recherchieren und finden. Musste man sich fr\u00fcher auf das Grundrauschen von Sach- und Fachb\u00fcchern einlassen, also auf alles das, was dem ganz speziellen Erkenntnisinteresse nicht unmittelbar 1:1 entsprach, lassen sich jetzt in k\u00fcrzester Zeit auf den verschiedensten Plattformen winzige Wissenssplitter zu einem Paket kompilieren, das auch den noch so speziellen SpecialInterest befriedigt. Kein Grundrauschen mehr. Keine vertane Lebenszeit mit der Lekt\u00fcre von Sach- und Fachb\u00fcchern und ihren Abschweifungen, die auf dem Wege der Beantwortung einer bestimmten Frage notwendig in Kauf genommen werden mussten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">So wie Anfang der Neunzigerjahre in den Deutschunterricht als Bezeichnung gleicherma\u00dfen f\u00fcr Prosa und Lyrik der desillusionierende Begriff \u201eTexte\u201c eingef\u00fchrt wurde, st\u00f6\u00dft man im Netz jetzt auf \u201eContent\u201c. Egal ob \u201eCat-Content\u201c oder Sch\u00f6ngeistiges. Der Lektor mutierte vom kritischen Erstleser zum Content-Manager. Content aber ist Massenware und geh\u00f6rt in den Container. Literatur und anspruchsvolle Belletristik als Content zu bezeichnen mutet \u00e4hnlich verkehrt an wie der Schriftzug \u201eSeltene Briefmarken\u201c auf der Plane eines Lastwagens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wirkungsvolles also nachhaltiges Lesen ist nicht digital distinkt, nicht punktuell, sondern immer ganzheitlich. Das hei\u00dft, es muss ein analoges Echo im Kopf hervorrufen, wo es sich zu einer individuell ganzheitlichen Struktur zusammensetzt, die sich auch aus der jeweils pers\u00f6nlichen Erfahrung speist. Ein solches Wissen ist nicht nur Content als Mittel zum Zweck, sondern wird immer auch pers\u00f6nlich empfunden. Die Suche nach schnell kompilierten Wissenssplittern im Netz ist daher kein Lesen, sondern das Verarbeiten von Informationen als Mittel zum Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Seit einiger Zeit gibt es HiFi-Puristen, die behaupten, Vinylplatten kl\u00e4ngen irgendwie intensiver, inniger und w\u00e4rmer als Musikdateien. Sie meinen, eine Platte vermittele mehr als eine MP3-Datei mit ihrer Abfolge digital distinkter Kl\u00e4nge. Analog scheint ihnen mehr mitzuschwingen als digital.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">So ist es auch mit dem ganzheitlichen Lesen. Auch hier schwingt ein Grundrauschen mit, das wahrzunehmen bereichernder ist, als der blo\u00dfe Konsum von genretypischem Content oder isolierten, zweckgebundenen KnowledgeBites. Denn gerade das diffuse Grundrauschen verbindet uns mit der Welt. Spezialisten dagegen, die versuchen, dieses Grundrauschen auszuschlie\u00dfen, um m\u00f6glichst schnell auf den Punkt zu kommen, isolieren sich immer weiter in ihrer Blase und werden dadurch vielfach den komplexen Verstrickungen der Welt nicht gerecht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen ist eine Kulturtechnik, die durch die Digitalisierung gleicherma\u00dfen gewonnen&hellip;<\/p>\n<p> <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12381\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12386,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":{"0":"post-12381","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-allgemein"},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12381","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12381"}],"version-history":[{"count":18,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12381\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12424,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12381\/revisions\/12424"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12386"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12381"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12381"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12381"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}