{"id":12448,"date":"2020-10-14T20:33:37","date_gmt":"2020-10-14T18:33:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12448"},"modified":"2021-12-09T19:57:54","modified_gmt":"2021-12-09T18:57:54","slug":"meine-theodizee-glueck-und-leiden-am-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12448","title":{"rendered":"Meine Theodizee \u2013 Gl\u00fcck und Leiden am Widerstand"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Aktuell arbeite ich am dritten Teil von \u201eDismatched\u201c. \u201eSuete und der Leviathan\u201c wird er hei\u00dfen und im Sog dessen habe ich versucht, mir noch einmal ganz konkret bewusst zu machen, worum es eigentlich bislang auf dem Schn\u00fcrboden meiner Fantasien geht. Was bewegt da die Kulissen, wer zieht da die F\u00e4den?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Mein Motiv und Thema ist der Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nun kann man sich einem Thema lebensprall fiktional oder abstrakt theoretisch n\u00e4hern. Fiktional habe ich mich in den beiden ersten Teilen von \u201eDismatched\u201c ausgelebt. Bleibt die Theorie:<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Mein Erkl\u00e4rungsversuch f\u00fcr das Leben, das Sein, so wie wir aufrecht gehenden Wassers\u00e4ulen auf Kohlenstoffbasis es erleben und wahrnehmen, gipfelt f\u00fcr mich in einer Theorie und gl\u00fccklicherweise oder leider (kommt eben wie immer auf den Standpunkt an) in einer Praxis des \u201eWiderstandes\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Im Grunde ist die Sch\u00f6pfung oder die Evolution eines mit Selbstbewusstsein begabten S\u00e4ugetieres, das an sich selbst und das Universum, in dem es sich f\u00fchlend und denkend (oder umgekehrt, ich will mich hier auf kein \u201eRanking\u201c festlegen) als \u201eseiend\u201c vorfindet, existentielle Fragen stellt, ein Witz \u2013 und zwar von unserem Standpunkt aus gesehen, ein schlechter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Falls wir Ergebnis der Evolution sind, wozu ich tendiere, ist das Ganze ein sinnloser Zufall, in dessen Kontext es ebenfalls sinnlos w\u00e4re, die Sinnfrage zu stellen. Im Menschen hinterfragt sich die Evolution (nach Hegel, die Geschichte) selbst? Der Evolution (und der Geschichte) ist das herzlich egal (nat\u00fcrlich haben sie keins). Und der Mensch hat mit seinen Fragen eben gr\u00fcndlich Pech gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Sind wir dagegen Produkt der \u201eKopfgeburt\u201c eines Geistes \/ Gottes (der nat\u00fcrlich auch keinen hat), zeugt es allenfalls von schlechtem Geschmack, seinen \u201eWiderpart\u201c (da w\u00e4ren wir beim Thema), seine \u201eSch\u00f6pfung\u201c auf der einen Seite physisch-materiell zu verfassen und auf der anderen Seite mit Geist auszustatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Denn da haben wir ein Geist begabtes, seiner selbst bewusstes, von der Idee der Ewigkeit und anderen h\u00f6chst abstrakten Begriffen wie Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit etc. ber\u00fchrtes, aufrecht gehendes S\u00e4ugetier, dessen schulterw\u00e4rts positionierte Gliedma\u00dfen nicht mehr dem Laufen, sondern kreativer Arbeit dienen. Um seinen maximal zwei Meter \u00fcber dem Boden ragenden Kopf macht es zwar ein gro\u00dfes Gewese, muss aber immer noch Nahrung aufnehmen und ausscheiden und pflanzt sich noch dazu \u00fcber einen Teil eben dieser entsprechenden K\u00f6rper\u00f6ffnungen lustvoll sexuell fort, bis sein Verbund aus Knochen, Fleisch, Blut und Bakterien der Verwesung anheimf\u00e4llt. Vom Verbleib der elektro-chemischen Prozesse im Hirn, die unsere biografische Kontinuit\u00e4t und damit unsere Pers\u00f6nlichkeit ausmachen, ganz zu schweigen. Diese \u201eKonstruktion\u201c halte ich f\u00fcr einen Witz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Aber egal, wie wir die Frage des Ursprungs auch beantworten wollen, sei es ein Urknall (wie auch immer gelenkt und von welcher Energie auch immer gespeist), aus dem dann eine Evolution hervorging oder von welchem Geist auch immer gesch\u00f6pfte \u201ecreatio ex nihilo\u201c: Du und ich und alle anderen Zwitterwesen zwischen Geist und Materie m\u00fcssen es ausbaden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wir finden uns gleicherma\u00dfen als denkende und als f\u00fchlende Wesen vor und haben, obwohl wir uns (tragischerweise) beide Seinsarten vorstellen k\u00f6nnen, nicht die Wahl zwischen dem reinen Geistwesen eines k\u00f6rperlosen Engels und dem physisch verfassten, instinktgebundenen Tier. Wir sind beides: Geist und Materie, Form und Substanz. Dazwischen zu stehen macht f\u00fcr mich das existentielle Dilemma des Menschen aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Begreifen wir Geist und Materie als unvers\u00f6hnlichen Antagonismus, haben wir verloren, begreifen wir sie als konstruktiven Dualismus, haben wir \u2013 vielleicht \u2013 gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Was dabei zwischen Geist und Materie vermittelt, ist f\u00fcr mich der Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Vom Standpunkt eines physisch verfassten Wesens \u2013 und nur den kann ich \u201eerkenntnistheoretisch\u201c einnehmen \u2013 sind Bewusstsein und Selbstbewusstsein ohne das Erleben eines Widerstandes nicht denkbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">In der physischen Welt widersteht die Tischplatte dem Druck meines Daumens, nur so erfahre ich, dass es einen Daumen und eine Tischplatte gibt und wo mein gef\u00fchlvoller Daumen anf\u00e4ngt oder aufh\u00f6rt und wo der f\u00fchllose Tisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">In der geistigen Welt kann ich mich selbst nur als meiner selbst bewusst wahrnehmen, wenn die Kontinuit\u00e4t meines Bewusstseinsstroms durch den Widerstand der Zeit untergliedert ist. Das ist vielleicht einer Melodie vergleichbar. Eine Melodie empfinde ich nie nur \u00fcber den aktuellen Ton, sondern immer auch \u00fcber die bereits vergangenen T\u00f6ne und die, die ich erwarte. Ein Missklang entsteht, wenn ein anderer Ton erklingt als der, den ich in Erinnerung der vergangenen T\u00f6ne erwartet habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">In den Ekstasen (gr. Ekstasis: aus sich herausstehen) reiner Gegenwart habe ich mich nicht. Erst der Bezug auf Vergangenes und die Erwartung von etwas Zuk\u00fcnftigen lassen mich die Gegenwart und darin mich als aktuelle Befindlichkeit wahrnehmen. Die Zeit leistet mir hier Widerstand: Da die Vergangenheit vorbei und die Zukunft noch nicht eingetreten ist, ist allein die Gegenwart real und erst der Widerstand der Zeit gegen Vergangenheit und Zukunft schafft die Bedingung der M\u00f6glichkeit, dass ich mich in der Gegenwart \u00fcberhaupt wahrnehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Im aus mir Herausstehen, in der Ekstase aber verliere ich mich. Habe weder eine Vergangenheit, die ich reuevoll bedauern oder der ich sehns\u00fcchtig nachtrauern kann, noch eine Zukunft, die ich \u00e4ngstlich f\u00fcrchten oder hoffnungsvoll ersehnen kann. Dem Gl\u00fccklichen schl\u00e4gt keine Stunde, hei\u00dft es. Macht die Ekstase der reinen Gegenwart gl\u00fccklich? Muss ich also, um gl\u00fccklich zu sein, mich selbst verlieren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Viele Heilslehren in der Geschichte weisen diesen Weg. Im Buddhismus ist das \u00dcberwinden des Leidens, ich nenne es Widerstand, immer auch die Entselbstung, das Aufgehen des Ichs im Alleinen. Ekstase als Verlieren des Ichs scheint in allen Zeiten erstrebenswert. Bei Hermann Hesse sind sowohl Hure wie Heilige auf diesem Weg, f\u00fchren Suff wie Askese zur Ekstase, zum Herausstehen des Ichs in reine Gegenwart. Nicht umsonst gab es in alten Kulturen eine Tempelprostitution \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wie auch immer, alle Jenseitssehnsucht, jede Religion hat mit der Aufgabe des Ichs zu tun und stellt somit \u00dcberdauern und Kontinuit\u00e4t unserer individuellen psychischen Existenz nach dem Tod in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nehmen wir den Widerstand zwischen Geist und Materie dem\u00fctig an und streben nicht danach, unser Ich aufzul\u00f6sen, ist dieser Dualismus die \u201efelix culpa\u201c, die \u201egl\u00fcckliche Schuld\u201c, wie die Paradiesfabel auch gedeutet wird. Vor dem S\u00fcndenfall war der Mensch keiner, denn er hatte keinen Widerstand. Nachdem er aber vom Baum der Erkenntnis gekostet hatte, hatte er Widerstand. Zum Guten wie zum Schlechten. Zwar musste er sein Brot im Schwei\u00dfe seines Angesichts essen, konnte sich aber auch an dem, was ihm widerst\u00e4ndig war, sp\u00fcren und daran wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die Sehnsucht eines rein geistigen Wesens nach Schicksal und Emotion zeigt sich im Bild des Mensch werdenden Engels (etwa in Wim Wenders \u201eDer Himmel \u00fcber Berlin\u201c oder noch besser Brad Silberlings \u201eStadt der Engel\u201c). Ein Engel gibt bewusst seine ewige Existenz auf, um ein f\u00fchlendes, am Widerstand wachsendes, aber doch letztlich sterbliches Wesen zu werden. Auch Schicksal und Gl\u00fcck, die niemals erwartbar und planbar sind, sondern einem ganz pl\u00f6tzlich widerfahren, h\u00e4ngen ja mit Widerstand zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Was nicht hei\u00dft, dass man, wenn es mit der Selbstverwirklichung und dem Wachsen am Widerstand schlecht l\u00e4uft, nicht doch wieder die Entselbstung in Religion, Ekstase, Drogen, Suff, Neurose, Psychose, Sex, als Worcohalic etc. sucht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Um auf die nach wie vor nicht entschiedene Frage von Evolution oder Sch\u00f6pfung zur\u00fcckzukommen: Um Aufschluss dar\u00fcber zu gewinnen, wie die Welt entstanden oder geschaffen worden ist, sollten wir als physisch verfasste Wesen, die \u201emit einem Bein\u201c in der Sph\u00e4re des Geistes stehen, vielleicht versuchen, das Verh\u00e4ltnis zwischen Geist und Materie zu anthropomorphisieren. Dann lie\u00dfe sich sagen, dass Geist und Materie, Form und Substanz einander bed\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Denn ohne Materie h\u00e4tte der Geist keinen Widerpart in einer wie auch immer gearteten Form. Er w\u00e4re wirkungslos, reines, in sich geschlossenes Potential, das sich nicht ausdr\u00fccken und realisieren k\u00f6nnte. Und ohne den formenden Geist h\u00e4tte die Materie keine geordnete Struktur. Sie w\u00e4re dazu verdammt, ein sinnloser, ungeschlachter Klumpen zu sein und zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eIm Anfang war das Wort &#8230; Und das Wort ist Fleisch geworden &#8230;\u201c Das Wort (in unserem digitalen Zeitalter: die Information), der Geist, die Idee, Gott, schwebt, wie auch immer entstanden, vor dem Urknall oder der Sch\u00f6pfung im raum-zeitlosen Nichts, ist prinzipiell wirkm\u00e4chtig, bleibt aber zun\u00e4chst wirkungslos. Dann \u2013 mit der \u201eSch\u00f6pfung\u201c \u2013 schafft er sich selbst einen Widerstand, bewirkt Raum und Zeit und darin die Materie, die ihm Widerstand bietet, ihm entgegensteht, ihm erm\u00f6glicht, sich auszudr\u00fccken, etwas au\u00dferhalb seiner reinen Selbtsbez\u00fcge zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Positiv, das hei\u00dft, gl\u00e4ubig, in welchem Sinne auch immer, ist es dann das: Geist, Gott oder das Alleine schaffen sich einen Widerpart, um sich selbst und au\u00dferhalb ihrer selbst etwas erleben zu k\u00f6nnen und das, was sie als ihren geistig formenden Stempel auf die ungestaltete Materie gedr\u00fcckt und freigelassen haben, lieben sie unabdingbar, wie auch immer es sich entwickeln mag. Dann ist alles gut. Denn als beseelte und sich selbstbewusste Materie, die diesen Stempel, zwar ohne gefragt worden zu sein, aufgedr\u00fcckt bekommen hat, sich aber der Gnade des Sch\u00f6pfers sicher sein kann, darf ich mich trotz des allgegenw\u00e4rtigen Chaos und Wahnsinns befriedet und in dem Gef\u00fchl zur\u00fccklehnen, wohl aufgehoben zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Negativ gefasst aber ist das letztlich nichts weiter als kreationistische Spielerei. Der reine Geist ist sich nicht selbst genug. Ihm ist schlicht langweilig. Ihm st\u00f6\u00dft nichts zu. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Es braucht eben immer zwei, es braucht den Widerstand. \u2013 <br>Und schon bin ich Spielball \u00fcbernat\u00fcrlicher Willk\u00fcr \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aktuell arbeite ich am dritten Teil von \u201eDismatched\u201c. \u201eSuete und&hellip;<\/p>\n<p> <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12448\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12453,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":{"0":"post-12448","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-allgemein"},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12448"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12487,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12448\/revisions\/12487"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12453"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.berndboden.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}