{"id":12473,"date":"2021-05-04T16:40:13","date_gmt":"2021-05-04T14:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12473"},"modified":"2025-05-07T12:07:12","modified_gmt":"2025-05-07T10:07:12","slug":"suete-und-der-leviathan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.berndboden.de\/?p=12473","title":{"rendered":"Sueteh und der Leviathan"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Dismatched ist als Trilogie angelegt. Das, was jetzt vorliegt, umfasst die ersten beiden Teile \u201eUrb und Klave\u201c sowie \u201eView und Brachvogel\u201c. Das alles ist in sich abgeschlossen, bietet aber viele Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr einen dritten Teil, an dem ich gerade arbeite. <\/p>\n\n\n\n<p>Erste Impressionen von der Fortsetzung zu Dismatched \u201eSuete und der Leviathan\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"853\" src=\"http:\/\/www.berndboden.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaank\u00fcnndigung2teil-b\u00fccher-1024x853.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12481\" srcset=\"http:\/\/www.berndboden.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaank\u00fcnndigung2teil-b\u00fccher-1024x853.jpg 1024w, http:\/\/www.berndboden.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaank\u00fcnndigung2teil-b\u00fccher-300x250.jpg 300w, http:\/\/www.berndboden.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaank\u00fcnndigung2teil-b\u00fccher-768x640.jpg 768w, http:\/\/www.berndboden.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaank\u00fcnndigung2teil-b\u00fccher-1536x1280.jpg 1536w, http:\/\/www.berndboden.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaank\u00fcnndigung2teil-b\u00fccher-2048x1707.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Prolog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die aus dem Brunnenschacht heraufsteigende modrige K\u00fchle \u00fcberzog die Beine der dichtgedr\u00e4ngten Menge mit einer G\u00e4nsehaut, w\u00e4hrend ihre Schultern im warmen Sonnenlicht badeten, dass durch die weite \u00d6ffnung im Dach des ehemaligen Horts der Empf\u00e4ngnis einstr\u00f6mte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Ungeachtet des unw\u00fcrdigen Rituals, das hier einst zwischen Mannlingen, die ihren Dienst als Zeugungstr\u00e4ger abzuleisten hatten und angehenden M\u00fcttern, die der Klave ihre zwei oder drei Geburten schuldeten, vollzogen worden war, war dies doch von alters her ein besonderer und heiliger Ort. Getreu der Maxime, keine verbrannte Erde zu schaffen und das Alte in Bausch und Bogen zu verteufeln, sondern daran anzukn\u00fcpfen und es in sinnvolle neue Bahnen zu lenken, diente der Hort jetzt dazu, die Kinder der Paare, die sich gefunden hatten, in der Mitte der Klave willkommen zu hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Etliche der vormaligen Mannlinge und ehemals so d\u00fcnkelhaften und unterdr\u00fcckerischen Frauen waren Paare geworden und das jetzt in die Gemeinschaft einzf\u00fchrende Kind war beileibe nicht das einzige, das seine Eltern w\u00fcrde kennen d\u00fcrfen und dessen Abkommenschaft sich nicht wie in den vergangenen Zeiten der Gro\u00dfen Mondin im Dunkel der vergilbten Seiten des Buches der Blutlinien verlor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Viele waren gekommen, um Views und Brachvogels Tochter willkommen zu hei\u00dfen. Hand in Hand standen Mysia, die sachkundigste der Heilerinnen, mit ihrer Gef\u00e4hrtin Bera, einer ehemaligen W\u00e4chterin. Dahinter der stille Susurrus, der seine Menschenscheu \u00fcberwunden und eine Freundin gefunden hatte, der er behutsam die Angst vor den gewaltigen Ebseln genommen hatte. Tiras weit vorgew\u00f6lbter Leib k\u00fcndete davon, dass die Klave bald weiteren Nachwuchs zu erwarten hatte. Belarus, der Sprachkundige, hatte in Luka, der Nachfolgerin der alten Sanguine, der H\u00fcterin der Blutlinien, eine Partnerin und Seelenverwandte gefunden. Beide durchforsteten sie die alten Schriften nach Begriffen, die geeignet waren, die neuen Verh\u00e4ltnisse in der Klave abzubilden. Das sprachliche Umfeld von W\u00f6rtern wie Eltern, Vater, Bruder, Erzeuger oder Mannhaftigkeit konnte sie schier in Verz\u00fcckung treiben. Kurabel, einstiger Meister der schnellenden Bollen, der sich jetzt v\u00f6llig aufs Bogenschie\u00dfen verlegt hatte, war mit der drallen Wega zusammen, die er, wohl eingedenk seiner fr\u00fcheren Begeisterung f\u00fcr die Bola, liebevoll seine kleine Bolle nannte. Wega organisierte mit Ragun, dem Wassersp\u00fcrer die Bew\u00e4sserung der in der N\u00e4he der Lunagleis neu angelegten Felder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Alle waren sie guter Stimmung, denn die Dinge in der Klave schienen sich trefflich zu entwickeln und selbst Sonor, dem ehemaligen Sprecher der Mannlinge, der zu einem verbitterten Hagestolz geworden war, spielte ein L\u00e4cheln um die Mundwinkel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">View und Brachvogel standen sich am Brunnen gegen\u00fcber. Sie hatten jeweils die Arme \u00fcbereinander gekreuzt und ihre dabei nach oben gerichteten Handfl\u00e4chen ineinandergelegt, in deren Mulde ihr Kind lag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">W\u00e4hrend View ihr T\u00f6chterchen bewundernd ansah, war dem sonst so selbstsicheren und gewandten Brachvogel die R\u00fchrung deutlich anzusehen. Einerseits barst er vor \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Vaterstolz, seine Tochter pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen und andererseits h\u00e4tte er sie, die er wie seinen Augapfel h\u00fctete, am liebsten wieder in die Geborgenheit ihrer Wiege gelegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Seine Tochter indes schien die ungewohnte Atmosph\u00e4re in keiner Weise einzusch\u00fcchtern. Ganz im Gegenteil hatte sie beide F\u00e4ustchen geballt und br\u00fcllte ihr Unbehagen, auf einmal so im Mittelpunkt zu stehen, aus Leibeskr\u00e4ften heraus, bis ihr zerknautschtes Gesichtchen krebsrot angelaufen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eDie Kleine h\u00e4lt mit ihrer Meinung jedenfalls nicht hinter dem Berg, wisperte Ferruma, die Eisenfrau, ihrem Mann Diver zu. \u201eDas ist gut, man kann nicht fr\u00fch genug damit anfangen zu sich zu stehen, auch wenn unser Brachvogel in seiner \u00fcbertriebenen F\u00fcrsorge ein Gesicht macht, als w\u00fcrde er seine Tochter gerne so schnell wie m\u00f6glich wieder in seinem Viereckhaus in das sch\u00f6ne Wiegenbettchen verfrachten, das ihre Mutter ihr gefertigt hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Als Erblast aus den gl\u00fccklich \u00fcberwundenen Zeitl\u00e4uften der Gro\u00dfen Mondin herrschte in der Klave ein unausgesprochenes Misstrauen eingefahrenen Riten und Gebr\u00e4uchen gegen\u00fcber. Und so gab es keine feste Zeremonie f\u00fcr die Einf\u00fchrung eines neuen Lebens in die Gemeinschaft. Aber Brachvogel und View hatten sich Worte zurechtgelegt, die sie jetzt gemeinsam sprachen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eAn diesem Ort zwischen dem Quell des Lebens und dem Licht, das alles \u00fcberstrahlt, nehmen wir dich hiermit im Geiste der Gro\u00dfen Mutter in unsere Gemeinschaft auf. M\u00f6gest du wachsen und gedeihen. M\u00f6gest du den Kern deines inneren Wesens finden und das zur Reife und Vollendung f\u00fchren, was in dir angelegt ist. M\u00f6ge dir daraus Zufriedenheit und Gl\u00fcck erwachsen und m\u00f6gest du anderen damit ein Quell der Freude und Bereicherung sein. Dein Name sei Sueteh.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Auf beiden Seiten von einer jungen Frau gest\u00fctzt schob sich jetzt m\u00fchsam Phyta, die uralte Schamanin, die ihre Sprache verloren hatte, nach vorne und sah das Kind lange an. Zitternd \u00f6ffnete sie die Lippen und kaum h\u00f6rbar, mit tonloser, dem Sprechen lang entw\u00f6hnter Stimme, die aus dem Abgrund der Zeiten zu kommen schien, fl\u00fcsterte sie: \u201eIch bin \u00fcbergl\u00fccklich und dankbar, dass es meinen alten Augen noch verg\u00f6nnt war, dieses Kind erblicken zu d\u00fcrfen. Suete wird einst die Welten verbinden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Der kleine Kaiser<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Langsam auf dem Bauche rutschend und sich bed\u00e4chtig um seine L\u00e4ngsachse drehend m\u00e4anderte das Baby quer durch die \u00fcppig mit Ornamenten und Reliefs ausgeschm\u00fcckte Halle, deren Decke sich hoch wie der Himmel \u00fcber ihm w\u00f6lbte. Immer wieder hielt es inne, hob das K\u00f6pfchen und schien seine Umgebung zu pr\u00fcfen. Das auf seine Windel gepr\u00e4gte Wappen zeigte ein symmetrisch um die Mittelachse gespiegeltes System von R\u00f6hren und Ventilen, vor dem ein stilisierter Adler mit ausgestreckten F\u00e4ngen schwebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Der kleine Junge war der j\u00fcngste Trieb am weitverzweigten Stammbaum des alten Imperators und im Gegensatz zu seinen elf \u00e4lteren Br\u00fcdern auch mit zehn Monaten noch nicht in der Lage, auf allen Vieren zu krabbeln. Aber was seine Br\u00fcder in diesem Alter an motorischer Agilit\u00e4t und Geschicklichkeit aufgebracht hatten, mochte der Kleine vielleicht durch stille Betrachtung wett machen. Seinen aus dem pausb\u00e4ckigen Gesichtchen hervorlugenden Augen schien nichts zu entgehen und wenn er keinerlei Stimuli ausgesetzt war, sa\u00df er die meiste Zeit v\u00f6llig passiv und bewegungslos in einer Ecke und beobachtete stumm das Geschehen um sich herum, ohne dass auch nur die geringste Regung seiner Gesichtsmuskulatur h\u00e4tte erahnen lassen, was dabei in ihm vorging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Jetzt aber war er aktiver als sonst, denn er war erstmals in ein Konditionierungsareal mit einem Set vielf\u00e4ltiger Stimuli gesetzt worden, die sein gesamtes sensorisches Spektrum abdeckten. Auf der mit verschiedenartigen Texturen, Farben und Mustern ausgestalteten Fl\u00e4che drehten sich filigrane und plumpe Objekte, lagen die verschiedensten Materialien von weich bis hart, lockten N\u00e4pfchen mit Speisen und Getr\u00e4nken von s\u00fc\u00df bis sauer, breiteten sich in bestimmten Sektionen intensive oder fl\u00fcchtige Ger\u00fcche aus und schwebten hier und da monotone, kakophonische oder melodi\u00f6se Kl\u00e4nge \u00fcber dem Ganzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wie w\u00fcrde der j\u00fcngste Spross des Imperators unter dem Eindruck dieser Reiz\u00fcberflutung durch visuelle, auditive, olfaktorische, haptische und gustatorische Stimuli reagieren, fragten sich die drei imperialen Konditionierer, die das Areal gem\u00e4\u00df ihrer bisherigen Kenntnisse \u00fcber den kleinen Kaisersohn arrangiert hatten und jetzt mit Argusaugen \u00fcberwachten. Ihre hohe Aufgabe war es, als p\u00e4dagogische Auguren das Verhalten des Kleinen mit dem seiner Br\u00fcder in diesem Alter zu vergleichen und daraufhin zu beurteilen, ob er sich einst eignen w\u00fcrde, seinem Vater auf den Thron nachzufolgen. Aber vor allem sollten sie eine Prognose stellen, ob er dem Imperator schon vor der Zeit gef\u00e4hrlich werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nun verharrte der Kleine mitten im Raum, hob das N\u00e4schen empor und schien zu wittern. Offensichtlich waren seine Riechepithele von einen der Ger\u00fcche affiziert worden, die an verschiedenen Stellen des Areals emittiert wurden. Er verlagerte seine K\u00f6rperachse und begann langsam auf die Duftquelle zuzurollen. Nach etlichen Fehlversuchen, die ihn an seinem Ziel vorbei oder \u00fcber es hinaustrugen, lag er vor dem Emitter auf dem Bauch, reckte das K\u00f6pfchen und patschte sich mit beiden H\u00e4ndchen den Geruch in die N\u00fcstern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Was war das? Eine \u00fcberw\u00e4ltigende Sensation, die \u00fcberm\u00e4chtig in seiner kleinen Seele widerhallte und Impressionen in ihm aufstiegen lie\u00df, die sein Empfinden v\u00f6llig ausf\u00fcllten. Mehr! Er wollte mehr davon, wollte sein ganzes Selbst in diesem Duft baden, ihn trinken und bis in die letzte Pore seines kleinen K\u00f6rpers aufnehmen. Der Geruch, der so vieles in ihm anr\u00fchrte und er wurden v\u00f6llig eins und er schwelgte in einem Gef\u00fchl wohliger Losgel\u00f6stheit und Geborgenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Doch pl\u00f6tzlich war da etwas anders, etwas, das sein Schwelgen \u00fcberlagerte und sich dumpf und drohend auf seine Brust zu legen begann. Unruhig r\u00fchrte er sich, wollte den Druck von sich sch\u00fctteln, doch das Unwohlsein nahm weiter zu und er rollte sich hin und her und bewegte sich so langsam von der Quelle seines Wohlbefindens weg. Allm\u00e4hlich dann konnte er wieder freier atmen, der Druck begann nachzulassen und ebbte v\u00f6llig ab. Keuchend blieb er regungslos auf dem Bauch liegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Aber da vorne war es doch so sch\u00f6n gewesen. Unwiderstehlich zog es ihn dorthin zur\u00fcck, wo er eben noch so gl\u00fccklich gewesen war. Ein leiser Abglanz des Duftes erreichte ihn noch, er aber wollte ins Zentrum, sich wieder ganz den Empfindungen hingeben, die ihn eben noch durchflutet hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Der Kleine stemmte sich auf alle Viere und begann, seinem N\u00e4schen folgend, erneut auf den Geruch zuzukrabbeln. Da war es ja wieder, dieses allumfassende Wohlgef\u00fchl, in dem er sich jetzt erneut aalen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eSieh an, Ihre kleine, lethargische Majest\u00e4t ist willensst\u00e4rker als gedacht. Aber das wird sich \u00e4ndern lassen\u201c, meinte einer der p\u00e4dagogischen Auguren und zog den Regler seiner Infraschallkanone hoch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eIn seinem Alter sind seine Br\u00fcder in dem gleichen Setting aufgeregt kreischend zu jedem Stimulus hin gekrabbelt und haben, sobald sie ein Unwohlsein erfuhren, sofort davon abgelassen, um sich wahllos schnell etwas Neuem zuzuwenden. Aber \u00fcbertreibe es nicht mit der Schalldosis. Der Imperator will seinen m\u00e4nnlichen Nachwuchs zwar nach allen Regeln unserer Kunst sozialisiert und auf Herz und Nieren gepr\u00fcft wissen, d\u00fcrfte es aber \u00e4u\u00dferst \u00fcbelnehmen, wenn sein J\u00fcngster schon zu Tode kommt, bevor er \u00fcberhaupt in der Lage ist, ihn zu st\u00fcrzen\u201c, warnte ein anderer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Hier! Hier wollte er bleiben. Nichts anderes mehr erleben. Hier war alles gut. Ganz so wie in der wohligen, dunkelroten, samtenen Geborgenheit des nachgiebigen Kokons, der ihn umfangen hielt, bevor es ihn unerbittlich durch die enge R\u00f6hre in das grelle, kalte Licht des Au\u00dfen gepresst hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Aber da, wieder dieser Druck, der sich auf seine Lunge legte, als ob sich einer seiner \u00e4lteren Br\u00fcder mit seinem vollen Gewicht auf seinen Brustkorb wuchtete. Der Bewegungsdrang wurde \u00fcberm\u00e4chtig und erneut trieb es den Kleinen von der Quelle seines Wohlbehagens weg. Als der Druck nachlie\u00df, blieb er nach Luft ringend auf dem R\u00fccken liegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Doch das konnte einfach nicht sein. Warum durfte er nicht dorthin, wo es ihm so gut ging? Abermals kam der Kleine auf alle Viere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Diesmal war der Griff des Infraschalls so stark, dass es ihn am ganzen K\u00f6rper sch\u00fcttelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eLass es gut sein\u201c, sagte einer der p\u00e4dagogischen Auguren. \u201eSchalt diesen Mutterleibsodeur ab und g\u00f6nn\u2018 der kleinen Hoheit etwas Ruhe, bevor wir sie neuen Stimuli aussetzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Auf dem Konditionierungsareal zog der kleine Kaisersohn wimmernd die Knie unters Kinn und kauerte sich in Embryonalhaltung zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Seelenmaler<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Mit blicklosen Augen hockte der junge Mann auf einem Schemel, Daumen und Zeigefinger der linken Hand leicht auf Schl\u00e4fe und Stirn des Schl\u00e4fers gelegt, der neben ihm auf einer Liege ruhte. Von Zeit zu Zeit reckte und streckte sich der junge Mann und sch\u00fcttelte die Hand aus, um dann wieder seine Position einzunehmen. Auf dem Schemel zu sitzen war zwar unbequem, doch es verhinderte, dass er einnickte und in die eigene Traumwelt abdriftete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Balgur war ein Seelenmaler. Er bannte die Bilder der Traumgesichte der Menschen auf ihre Haut. Diesen Schl\u00e4fer hatte er jetzt die halbe Nacht traumlang begleitet und es wurde zunehmend m\u00fchsam, sich zu konzentrieren und zu versuchen, das, was er mit den Fingerspitzen der linken Hand zu ersp\u00fcren glaubte, in sich hineinflie\u00dfen zu lassen und mit der Rechten auf das Blatt zu werfen, das er im Scho\u00df ausgebreitet hatte. Dabei war es wichtig, sich von allen Eindr\u00fccken der Au\u00dfenwelt abzuschotten. Tr\u00e4umer und Maler mussten einen geschlossenen Kreislauf bilden, ganz so, wie die in sich zur\u00fcckgebogene Ouroboros-Schlange, die ihren Schwanz im Maul hielt und die Balgur sich als Zeichen seiner besonderen Gabe auf die linke Schulter hatte t\u00e4towieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Er schrak hoch. Jetzt war er doch wegged\u00e4mmert. Er warf einen Blick auf die Gebilde, die er mit Zeichenkohle auf sein Blatt geworfen hatte. Was mochte das sein? Er sp\u00fcrte in die Fingerspitzen seiner Linken hinein. Mehr w\u00fcrde er diese Nacht wohl nicht mehr erfahren. Nun kam zun\u00e4chst alles darauf an, die Bilder, die im Nachklang noch in seinem Kopf haften geblieben waren, so aufs Papier zu bringen und seine Skizzen zu vervollst\u00e4ndigen, ohne dass sein ordnender Verstand das Ergebnis verf\u00e4lschte. Hier schon die gewohnte Realit\u00e4t in die Traumgesichte einflie\u00dfen zu lassen, war der Sache nicht f\u00f6rderlich. Umgekehrt musste es sein. Erst wenn das, was seine Tr\u00e4umer am Morgen im Spiegel erblickten, sie stutzen, staunen und vielleicht gar betroffen machte, hatte er sein Ziel erreicht. Das Allt\u00e4gliche abbilden konnten viele, aber dem tiefsten Inneren von Schl\u00e4fern Bilder zu entrei\u00dfen und auf ihrer Haut Gestalt annehmen zu lassen, bedurfte seiner ganz besonderen Begabung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wer oder was seine Hand dabei f\u00fchrte, wusste Balgur nicht. Sobald er versuchte, willentlich etwas festzuhalten und zu zeichnen, ebbte der Strom seiner Vorstellungen ab und es war, als w\u00fcrde sich das aus einem Weinschlauch kr\u00e4ftig ergie\u00dfende Labsal abrupt durch einen in die Auslass\u00f6ffnung getriebenen Korken unterbrochen. Er musste vielmehr darauf vertrauen, dass ihn seine Intuition schon leiten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">So war es auch diesmal. Ohne dass Balgur h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, was er da zeichnete, entstand aus seiner Skizze das Bild von etwas vielgestaltig Schwebenden, das sich feingliedrig auf dem Papier ausbreitete. Und halt, da kam noch mehr. Zu dem filigranen Etwas gesellte sich nun etwas kompakt Gedrungenes mit vielen kurzen Ausw\u00fcchsen, das in die Vielgestalt einzubrechen schien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Balgur nahm das Blatt in beide H\u00e4nde und streckte die Arme aus, um die Zeichnung mit Abstand begutachten zu k\u00f6nnen. Was mochte das sein? Er, der Seelenmaler, musste sich mit Interpretationen und Auslegungen zur\u00fcckhalten. Denn er war nur das Medium, das etwas sichtbar machte, nicht aber die Quelle, aus der es erwuchs. Zu dem Tr\u00e4umer musste das Bild sprechen. Doch waren es die Menschen nicht gewohnt, sich bewusst mit den ungewohnten und erstaunlichen Manifestationen ihrer Tr\u00e4ume auseinanderzusetzen. Und etwas, das dem Betrachter v\u00f6llig fremd gegen\u00fcberstand, konnte schwerlich zu ihm sprechen. Es bedurfte eines Ankn\u00fcpfungspunktes an etwas Vertrautes, Bekanntes, von dem sich dann eine Botschaft ableiten lie\u00df. Und hier begann das, was Balgur seine \u00dcbersetzert\u00e4tigkeit, seinen Dienst am Kunden nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Waren die Bilder bislang g\u00e4nzlich ungeschminkt und unzensiert durch ihn hindurchgeflossen, machte er sich nun daran, diese noch ungestalten Schatten der Tr\u00e4ume in ein Licht zu r\u00fccken, das dem Betrachter Deutungsm\u00f6glichkeiten an die Hand geben konnte. Er hatte viel Erfahrung mit Traumgesichten und hoffte, dass dieses Licht die Schatten nicht zu sehr verf\u00e4lschte und entstellte. Aber was nutzte es dem Tr\u00e4umer, wenn er eine zwar unverf\u00e4lschte Botschaft erhielt, diese aber nicht verstehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nicht zuletzt wurden Balgurs Bilder, nachdem er sie auf Brust, Bauch oder R\u00fccken der Tr\u00e4umer \u00fcbertragen hatte, mit Stolz zur Schau gestellt, zeugten sie doch davon, dass es sich hier um jemanden handelte, der sich tiefgr\u00fcndig mit sich selbst besch\u00e4ftigte und nicht nur oberfl\u00e4chlich vor sich hinlebte. Vielfach lie\u00dfen sich Tr\u00e4umer ihre Bilder auch dauerhaft unter die Haut stechen. Das aber war Balgurs Sache nicht. Tr\u00e4ume waren fl\u00fcchtig, wandelten und ver\u00e4nderten sich und wenn man ihre Bilder verstetigte und ihnen best\u00e4ndig anhing, mochte das in Sackgassen oder gar auf einen v\u00f6llig falschen Weg f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Dass seine Bilder zu reinem Hautschmuck verkommen k\u00f6nnten, sah er zwiesp\u00e4ltig. Seine Arbeit faszinierte ihn und wenn er an der Miene eines Tr\u00e4umers, der sich erstmals im Spiegel betrachtete, ablesen konnte, dass ihm die auf seine Haut gebannten Traumschatten etwas sagten, ihm \u00fcber irgendetwas Aufschluss gaben, war es sein h\u00f6chstes Gl\u00fcck, diesem Menschen geholfen und ihn vielleicht weitergebracht zu haben. Andererseits aber musste er leben und seine Dienste waren gefragt und wurden gut bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Nat\u00fcrlich kam es auch vor, dass die Bilder nicht gezeigt wurden und mehrfach waren die Z\u00fcge von Tr\u00e4umern beim Blick in den Spiegel v\u00f6llig entgleist und sie hatten verlangt, die Traumschatten sofort von der Haut zu tilgen. Aber auch das war Balgur Beweis f\u00fcr seine F\u00e4higkeit, Dinge ans Licht zu f\u00f6rdern, die etwas in den Leuten ausl\u00f6sten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Was hatte er nun also hier? Etwas fein Gegliedertes und etwas wuchtig Massiges. Die Schraffuren dort mochten Federn sein. Ein Vogel! Und zwar einer mit f\u00fcnf paar Fl\u00fcgeln und drei H\u00e4lsen, auf denen K\u00f6pfe sa\u00dfen, deren einer einen Kamm besa\u00df wie ein Hahn, ein anderer v\u00f6llig kahl war und in einen gewaltigen Schnabel auswuchs und ein weiterer, der drei Augen trug. Und dann das andere. Diese Ausst\u00fclpung am vorderen Ende war vielleicht ein R\u00fcssel \u2013 und das, was dort oval herabhing? Ein Bart? Nein \u2013 ein Ohr. Aber ein nach unten gerichtetes Ohr. Und diese Ausw\u00fcchse an beiden Seiten. Beine? Ein, ein Schwein. Ein auf dem R\u00fccken laufendes Schwein! Ein vielk\u00f6pfiger, mehrfl\u00fcgeliger Vogel, den ein r\u00fccklings sich bewegendes Schwein rammte. Balgur war immer wieder erstaunt, was sich im Lichte seiner \u00dcbersetzert\u00e4tigkeit letztlich offenbarte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Inzwischen war das Feuer heruntergebrannt und das diffuse Licht der aufkommenden D\u00e4mmerung f\u00fcllte das Rund seiner H\u00fctte. Anders als seine Gef\u00e4hrtin Suete, die wie ihr Vater Brachvogel klare, gerade Linien liebte, f\u00fchlte Balgur sich zwischen geschwungenen und runden Formen wohl. Zwar fand er den Kult um die Mondin und ihr Gebot von Demut und Besonnenheit, von dem immer noch erz\u00e4hlt wurde, reichlich sonderbar, aber die Vorstellung einer Mutter Natur, die in Kreisl\u00e4ufen waltete, erschien ihm sinnvoll. Auch sein Wirken als Seelenmaler war ein Kreislauf und deshalb die in sich geschlossene Ouroboros-Schlange sein Symbol. Er ersp\u00fcrte die Bilder in den Tiefen der Tr\u00e4umer, hob sie empor und brachte sie von innen nach au\u00dfen auf deren Haut, ganz so, als w\u00e4re diese durchsichtig und erlaubte ihnen wieder einen Blick in ihre Seele.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Leise r\u00fchrte Balgur jetzt an die Schulter des Schlafenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">\u201eIch habe ersp\u00fcrt und gesehen, was w\u00e4hrend deines Schlafs in dir verborgen war und werde es nun, wie besprochen, auf deine Brust \u00fcbertragen. Lass deine Augen geschlossen. Die Striche und Schw\u00fcnge meiner Pinsel werden wie der Abglanz deiner Tr\u00e4ume ganz sanft \u00fcber deine Haut fahren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Balgur machte sich an die Arbeit. Als Zugest\u00e4ndnis an Sch\u00f6nheit und Wirkung gestaltete er die Traumschatten hier und da etwas gef\u00e4lliger und setzte auch Farbe ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Er war begierig, auch Suetehs Tr\u00e4ume auszuloten. Mehrfach schon hatte er Anl\u00e4ufe unternommen, sie dazu zu \u00fcberreden, einmal ihre Tr\u00e4ume begleiten zu d\u00fcrfen, doch bislang hatte sie ihm das stets verweigert, ohne ihm Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu nennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dismatched ist als Trilogie angelegt. 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